Suchen

FILM AB - MARINA ALS AUSTAUSCHSTUDENTIN IN RAMALLAH

Marina Schulz studiert Fernsehjournalismus an der Filmakademie Baden-Württemberg und befindet sich momentan an der Al-Quds Universität in Ramallah. Dieser Austausch wird durch die AXSOS unterstützt. Auf dieser Seite berichtet Marina über ihre Erlebnisse und Eindrücke während ihres Auslandsaufenthalts in Palästina.

Wie diese Kooperation zustande kam, erfahren Sie unter diesem Link.

 

ÜBER MARINA

Studienjahr 2016 / 2017, Wahlpflichtfach: Fernsehjournalismus - Kultur Bildung Wissenschaft an derFilmakademie Baden-Württemberg

Nach ihrem Abitur am Ludwig-Wilhelm-Gymnasium in Rastatt ging es für Marina Schulz zum ersten Mal ganz weit weg: nach Südafrika. Im Rahmen des Freiwilligenprogramms „kulturweit“ arbeitete sie ein Jahr an einer südafrikanischen Schule in Johannesburg.

Nach diesem aufregenden Jahr begann sie im Oktober 2012 ihr Studium der Empirischen Kulturwissenschaft und der Medienwissenschaft an der Eberhard Karls Universität in Tübingen. Doch ihr Aufenthalt in Südafrika hatte ihre Neugier und ihre Reiselust geweckt und so zog es sie bereits im fünften Semester wieder ins Ausland. Dieses Mal nach Singapur, wo sie an der Nanyang University ihr Auslandssemester absolvierte.

Nach verschiedenen Praktika unter anderem beim Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) in Stuttgart, dem SWR und dem ZDF in Mainz, arbeitet sie heute freiberuflich beim Südwestrundfunk als Reporterin und studiert an der Filmakademie Baden-Württemberg Fernsehjournalismus für Kultur, Bildung und Wissenschaft.

 

DIE VIELEN GESICHTER RAMALLAHS

Ramallah hat viele Gesichter. Tag und Nacht. Drinnen und draußen. Gestern und heute.

Tagsüber das hektische Treiben auf der Straße. Der zähfließende Verkehr und das Hupen der ungeduldigen Fahrer. Eine Gruppe von Mädchen, die miteinander tuscheln und sich lachend auf den Weg nach Hause machen. Der Falafel-Verkäufer, der sich auf einem Plastikstuhl ausruht und auf neue Kunden wartet. Immer mit dem obligatorischen Zahnstocher, lässig im Mundwinkel. Eine Mutter, die ihre mürrischen Kinder vor sich her scheucht und eine Frau, die unter prüfendem Blick ins Schaufenster noch schnell ihr Kopftuch zurecht zupft.

Ein Bild, das den Erwartungen entspricht. Die Frauen tragen Kopftuch, die Männer sitzen in Cafés und rauchen Shisha. Auf den Straßen türmt sich der Müll und die Stromkabel hängen in verdrehten Knäulen von den Holzpfosten. Doch wer hier aufhört zu schauen, sieht bloß, was er sehen will.

Die Zeichen sind versteckt, aber man kann sie überall entdecken. Ramallah lebt, atmet, vibriert. Der alte orientalisch anmutende Markt, neben der Szene-Bar. Der kleine Kaffeestand auf Rädern, neben dem dicken BMW. Das traditionell gebaute Haus einstöckig mit Flachdach, umringt von Hochhäusern. Gestern und heute gehen fließend ineinander über, verschwimmen, existieren nebeneinander.

Abends in einer der vielen Bars unterwegs, zeigt Ramallah ein weiteres seiner vielen Gesichter. Wenn die Tür aufgeht, fällt der Blick auf eine andere Welt. Männer mit Tattoos, Frauen mit gefärbten Haaren in grün und rot, schon aus der Ferne erkennbar. Kurze Röcke und Piercings. Die Szene ist klein, aber es gibt sie. Filmemacher, Künstler, DJs – alle kennen sich. Und jeder einzelne glaubt, etwas verändern zu können – egal ob mit Kunst, Filmen, Musik oder Sport. Es ist beeindruckend: diese Energie und diese Entschlossenheit trotz der oft hoffnungslos erscheinenden Lage. Oder vielleicht auch gerade deswegen. Die derzeitige Situation ist für viele Palästinenser Bremse und Antrieb zugleich. Politik ist allgegenwärtig, sie begegnet einem an jeder Straßenecke, es gibt nichts was nicht politisch ist. Die Vergangenheit, die Verluste, der Konflikt – den Palästinensern sind diese Dinge in Fleisch und Blut übergegangen. Und doch kämpfen sie mit bewundernswerter Ausdauer darum, sich nicht von ihnen lähmen zu lassen. Dieser Kampf ist spürbar in Ramallah und die Entschlossenheit, mit der er geführt wird, macht die Stadt lebendig.

FÜNF WOCHEN IN PALÄSTINA - DER VERSUCH EINES RÜCKBLICKS

Fünf Wochen Palästina – fünf Wochen, in denen ich noch keinen einzigen Satz zu Papier gebracht habe. Selten ist es mir so schwer gefallen, meine Eindrücke festzuhalten. Das Land, die Leute, der Konflikt – ich finde keine Worte, um all das zu beschreiben. Sprachlos, mit mehr Fragen als Antworten, blicke ich auf die letzten Wochen zurück. Wie kann man die Atmosphäre in einem Land beschreiben, in dem Soldaten, Gewalt und Checkpoints genauso zum Alltag gehören wie Start-ups, Musik an jeder Ecke, eine kreative Künstlerszene und Menschen, die so viel Lebensfreude ausstrahlen, dass man fast vergessen könnte, wo man gerade ist?

Wie erklärt man jemandem, der Israel und Palästina nur aus den Nachrichten kennt, wie es sich anfühlt einen Checkpoint zu überqueren, die Mauer zu sehen oder täglich in den Nachrichten von neuen Zusammenstößen mit dem israelischen Militär zu lesen? Das alles gehört hier zum Alltag und trotzdem ist das nur die halbe Wahrheit. Genauso gehören die kleinen Erlebnisse dazu: die Frau im Bus, die ihr Brot mit mir teilt und mit beiden Händen energisch versucht sich mir verständlich zu machen. Der Mann, der mich zur Bushaltestelle bringt, obwohl er schon zu spät zu seiner Verabredung kommt. Der Obstverkäufer, der mir immer noch zusätzlich etwas in meine Einkaufstüte steckt, was ich erst Zuhause bemerke.

In den nächsten Wochen möchte ich mich auf die Suche nach den passenden Worten machen. Das wird mir mal besser, mal schlechter gelingen. Es werden vielleicht nicht immer die richtigen sein, sie werden vielleicht nur die halbe Wahrheit zeigen und sie werden bestimmt subjektiv sein. Aber ich will versuchen zu verstehen, was ich hier tagtäglich sehe und erlebe.

 

 

AXSOS AG

Zettachring 6
70567 Stuttgart

alle Standorte ansehen

info@axsos.de

+49 711 901196 0

Mo. - Fr. 08:00 - 17:00 Uhr

Anfahrt

Presse

Impressum

Datenschutzerklärung

 

Kontaktformular

Kontakt