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KAMERA LÄUFT - JONATHAN ALS AUSTAUSCHSTUDENT IN RAMALLAH

Jonathan Scheid studiert Fernsehjournalismus an der Filmakademie Baden-Württemberg und befindet sich momentan an der Al-Quds Universität in Ramallah. Dieser Austausch wird durch die AXSOS unterstützt. Auf dieser Seite berichtet Jonathan über seine Erlebnisse und Eindrücke während seines Auslandsaufenthalts in Palästina.

Wie diese Kooperation zustande kam, erfahren Sie unter diesem Link.

 

ÜBER JONATHAN

Mein ganzes Leben lang habe ich in den Nachrichten etwas über den Konflikt zwischen Israel und Palästina gehört. Je älter ich wurde habe ich mich mehr darüber informiert — über einfache Meldungen im Radio oder Fernsehen hinaus. Mit meinem Aufenthalt an der Al Quds Universität kann ich mir jetzt selbst ein Bild machen. Ich sehe, wie es ist, in einem Land zu leben, das durch eine Mauer geteilt ist, aber auch Versuche getätigt werden, wie Frieden und Verständigung gestiftet werden kann. Aber nicht nur die ernsten politischen Seiten des Landes interessieren mich, sondern ich möchte die Musik, das Essen, die Sprache und spannende Menschen kennenlernen.
 

Ich wurde in Frankfurt am Main geboren und bin dort in der Nähe aufgewachsen. Habe am Lessing Gymnasium mein Abitur gemacht und dann mit einem Jahr Auszeit  an der Hochschule für Musik Karlsruhe angefangen “Musikjournalismus für Rundfunk und Multimedia” zu studieren.
Im Rahmen des Studiums habe ich im Studentenradio Sendungen moderiert, Beiträge produziert und die ersten Erfahrungen als Videojournalist gemacht. Das Studium hat mich für Praktika nach Berlin, Hamburg und auch für einige Zeit wieder nach Frankfurt gebracht.
Ich habe an Dokumentationen für Arte mitgearbeitet, eine Zeit lang als freier Autor für hr2 gearbeitet und studiere seit 2018 schließlich an der Filmakademie Baden Württemberg Fernsehjournalismus für Kultur, Bildung und Wissenschaft.

EIN MONAT IN PALÄSTINA

Ein Monat Palästina, ein Monat in Abu Dis, ein Monat an der Al Quds Universität. Im letzten Monat ist viel passiert und ich werde versuchen, das in diesem Text zusammenzufassen. Ich werde jetzt von Abu Dis nach Bethlehem ziehen, also ist es ein guter Moment, um die letzten Wochen noch einmal zu reflektieren.
Abu Dis war ein sehr guter Ort um in Palästina anzukommen, die Stadt ist verglichen mit Bethlehem oder Ramallah sehr ruhig. Trotzdem ist auch immer bis spät abends einiges los auf der Straße. Die Leute sind immer hilfsbereit, vor allem, wenn ich mal wieder den Bus in die richtige Richtung suche. Entweder findet sich jemand, der Englisch spricht oder man verständigt sich mit Händen und Füßen - und Falafel bestellen geht immer.

Das meiste spielt sich aber in der Uni und mit den Studenten dort ab. Dazu muss man wissen, dass ich an der Al Quds Universität am Bard College studiere. Das ist ein amerikanisches College, das in die Uni integriert ist. Das alleine ist schon sehr politisch. Einerseits ist es amerikanisches Geld, was Palästina unterstützt und von der palästinensischen Seite befürchten einige eine “Normalisierung” und Annäherung an die westliche Welt. Diesen Konflikten begegne ich überall. Die Studenten aus Palästina leben oft zwischen zwei Welten. Einerseits kommen sie aus Familien, in denen Tradition hochgehalten wird, andererseits streben sie ein westliches Leben an. Viele würden gerne in Europa leben, um ihrer Situation zu entfliehen. Sie fahren abends nach Ramallah, um dort in Bars zu gehen, zu tanzen und zu feiern.

Mir ist vor allem ein Tag in Erinnerung geblieben. Ein Student des Bard College hat uns zu sich eingeladen, an den schönsten Ort Palästinas wie er sagt. Sein Name ist Ibrahim und er kommt aus einer Beduinen-Familie. Er lebt nicht nomadisch, sondern in Bethlehem. Seine Familie ist riesig wie er sagt - angeblich 40.000 Mitglieder, die er alle kennt.

Die anderen Austauschstudenten und ich fahren mit ihm in einen Ort ungefähr 20 Minuten außerhalb von Bethlehem. Seine Familie hat dort ein kleines Haus. Wir essen Maqluba — das heißt übersetzt “umgedreht”. Ein Gericht aus Reis, Hühnerfleisch und Kartoffeln. Es wird in einem Topf zubereitet, der dann auf einen großen Teller umgestürzt wird. Nachdem wir gegessen haben, machen wir einen Ausflug in die Berge. Um uns herum nur die karge Felslandschaft und dorniges Gestrüpp. Auf den Berghängen sieht man Ziegenherden und die untergehende Sonne taucht alles in ein goldenes Licht.

Ibrahim erzählt uns, dass dieser Ort Heimat für ihn ist. Er kommt fast jede Woche dorthin um die Ruhe zu genießen. Und das stimmt: Hier gibt es eigentlich gar keine Geräusche von Autos oder Baustellen. Als wir in die Ferne rufen um unser Echo zu hören, beginnt jemand auf einem benachbarten Gipfel zu singen. Langsam wird es dunkel, wir müssen zurück.

Nach einem Monat kann ich nur empfehlen, dieses Land zu besuchen. Mit Menschen sprechen, die Landschaft genießen und das Essen probieren. Vor allem in Bäckereien gibt es die besten Sachen: Zateer, oder auch Zatar zum Beispiel, ist ein Teigfladen mit Sesam und Thymian. Ansonsten kann ich Teigtaschen empfehlen, die mit Käse oder Spinat gefüllt sind. Eigentlich kann man gar nichts falsch machen. Am Straßenrand wird hier Mais in Bechern verkauft. Der wird warm gemacht und mit verschiedenen Gewürzen gewürzt. Das klingt sehr einfach, aber ist richtig gut.
Ich wurde bisher völlig eingesaugt vom Leben hier, nur mit der Sprache ist es noch ein bisschen holprig. Aber ich lerne fleißig und hoffentlich kann ich dann irgendwann auch Arabisch sprechen — Inschallah.

REISE NACH ABU DIS

Ankunft - ungefähr gegen 16:00 Ortszeit am Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv. Von dort mit einem Bus dann nach Jerusalem - Ausstieg am Damascus Gate.
Und da beginnt der kleine Kulturschock. Ich hatte vor meiner Ankunft nicht wirklich eine Vorstellung von der Stadt und dem Land, ich habe die Reise einfach auf mich zukommen lassen. Als ich durch die Straßen laufe, um den nächsten Busbahnhof zu finden fühle ich mich fehl am Platz. Neugierige Blicke treffen mich, ich kann kein Wort auf irgendeinem Schild lesen. 

Als ich den Busbahnhof finde kriege ich gleich Hilfe - ich glaube jeder erkennt sofort, dass ich keine Ahnung habe. Ein älterer Herr mit weiß rot gemustertem Tuch auf dem Kopf und Kleidung, spricht mich auf Englisch an und fragt wo ich hin muss. Ich antworte “Abu Dis”. Daraufhin ruft er einem anderen Mann etwas auf Arabisch zu, dieser ruft zurück, das wechselt sich dann ungefähr zwei bis dreimal ab und ich stehe daneben und ärgere mich, dass ich mir vorher nicht einmal die grundlegendsten arabischen Worte wie “Danke” oder “Entschuldigung” rausgesucht habe.
Schließlich zeigt mir der Mann die Abfahrtstelle für den Bus und erzählt mir, er sei ein “World Citizen” und drückt mir seine Visitenkarte in die Hand. Er sagt, ich solle ihn besuchen kommen. Ich begutachte die Karte, sie ist sehr bunt, es ist ein Bild von ihm abgedruckt und die Infos sind auf Hebräisch, Arabisch und Englisch. Auf der Rückseite steht groß “Peace Maker”. Bevor ich noch etwas antworten kann, ist er schon in einem Bus verschwunden.

Meine Unsicherheit ist mir ein bisschen genommen, bisher scheint ja alles gut zu laufen. Im Bus steht mir die Sprachbarriere wieder im Weg. Irgendwas ist mit dem Bus, ich weiß aber nicht was. Doch eine Passagierin hilft und erklärt mir, dass ich auf jeden Fall nach Abu Dis komme, allerdings an einem Checkpoint aus- und dann umsteigen muss. Diese Checkpoints sind der Übergang von israelischen zu den palästinensischen Gebieten.

Der Bus hält dann auch dort und alle steigen aus. Die Passagierin erklärt mir, dass auf der anderen Seite Bustaxis warten, die mich nach Abu Dis bringen. Ich quetsche mich mitsamt Rucksack und Koffer durch drei Drehkreuze und bin nun in der Westbank.

Die Passagierin aus dem Bus fragt für mich noch bei zwei der kleinen Busse nach ob sie nach Abu Dis fahren - tun sie aber beide nicht. Nachdem sie mit einem dieser Busse wegfährt, bin ich nun wieder auf mich alleine gestellt. Es fängt an zu dämmern, die Aussicht ist zwar schön, aber irgendwie kommen keine neuen Autos mehr. Langsam zweifle ich schon ob ich wirklich richtig bin. Um mich herum ist nichts außer dem Checkpoint mit israelischen Soldaten. Ansonsten streunen ein paar Katzen und Hunde herum und die anderen Passagiere aus dem Bus fahren nach und nach mit den Taxis davon. Wahrscheinlich waren es nur zehn Minuten, die ich gewartet habe aber es hat sich wesentlich länger angefühlt. Aber wieder werde ich angesprochen von einem jungen Mann, wo ich denn hin muss. Ich sage brav meine zwei Worte auf - “Abu” und “Dis” - und er antwortet freundlich “Let’s go”.

Ich steige in einen kleinen Transporter und quetsche mich mit meinem Gepäck auf die Rückbank. Während der ganzen Fahrt unterhalten sich alle im Taxi - ich verstehe natürlich kein Wort. Ich hoffe, dass ich in den kommenden Monaten lerne mich wenigstens grundlegend auf Arabisch zu verständigen.
Ich komme letztendlich so gegen halb acht abends am Wohnheim der Al Quds Universität an und werde dort freudig und neugierig empfangen. Die Familie des Nachtwächters sitzt draußen zusammen und trinkt Kaffee. Mir wird sofort welcher angeboten und der Sohn der Familie stellt mir einen Hotspot von seinem Handy zur Verfügung, damit ich wenigstens nach Hause schreiben kann, dass ich gut angekommen bin.

Ich habe an jeder Station der Reise sofort Hilfe angeboten bekommen und auch in der ganzen letzten Woche überall hilfsbereite Menschen getroffen, die mir geholfen haben mich zurechtzufinden und sich immer freuen, irgendwie zu kommunizieren auch wenn man nicht die gleiche Sprache spricht.
Irgendeinen Weg findet man am Ende immer.

FILM AB - MARINA ALS AUSTAUSCHSTUDENTIN IN RAMALLAH

Marina Schulz studiert Fernsehjournalismus an der Filmakademie Baden-Württemberg und befindet sich momentan an der Al-Quds Universität in Ramallah. Dieser Austausch wird durch die AXSOS unterstützt. Auf dieser Seite berichtet Marina über ihre Erlebnisse und Eindrücke während ihres Auslandsaufenthalts in Palästina.

Wie diese Kooperation zustande kam, erfahren Sie unter diesem Link.

 

ÜBER MARINA

Studienjahr 2016 / 2017, Wahlpflichtfach: Fernsehjournalismus - Kultur Bildung Wissenschaft an derFilmakademie Baden-Württemberg

Nach ihrem Abitur am Ludwig-Wilhelm-Gymnasium in Rastatt ging es für Marina Schulz zum ersten Mal ganz weit weg: nach Südafrika. Im Rahmen des Freiwilligenprogramms „kulturweit“ arbeitete sie ein Jahr an einer südafrikanischen Schule in Johannesburg.

Nach diesem aufregenden Jahr begann sie im Oktober 2012 ihr Studium der Empirischen Kulturwissenschaft und der Medienwissenschaft an der Eberhard Karls Universität in Tübingen. Doch ihr Aufenthalt in Südafrika hatte ihre Neugier und ihre Reiselust geweckt und so zog es sie bereits im fünften Semester wieder ins Ausland. Dieses Mal nach Singapur, wo sie an der Nanyang University ihr Auslandssemester absolvierte.

Nach verschiedenen Praktika unter anderem beim Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) in Stuttgart, dem SWR und dem ZDF in Mainz, arbeitet sie heute freiberuflich beim Südwestrundfunk als Reporterin und studiert an der Filmakademie Baden-Württemberg Fernsehjournalismus für Kultur, Bildung und Wissenschaft.

 

DIE VIELEN GESICHTER RAMALLAHS

Ramallah hat viele Gesichter. Tag und Nacht. Drinnen und draußen. Gestern und heute.

Tagsüber das hektische Treiben auf der Straße. Der zähfließende Verkehr und das Hupen der ungeduldigen Fahrer. Eine Gruppe von Mädchen, die miteinander tuscheln und sich lachend auf den Weg nach Hause machen. Der Falafel-Verkäufer, der sich auf einem Plastikstuhl ausruht und auf neue Kunden wartet. Immer mit dem obligatorischen Zahnstocher, lässig im Mundwinkel. Eine Mutter, die ihre mürrischen Kinder vor sich her scheucht und eine Frau, die unter prüfendem Blick ins Schaufenster noch schnell ihr Kopftuch zurecht zupft.

Ein Bild, das den Erwartungen entspricht. Die Frauen tragen Kopftuch, die Männer sitzen in Cafés und rauchen Shisha. Auf den Straßen türmt sich der Müll und die Stromkabel hängen in verdrehten Knäulen von den Holzpfosten. Doch wer hier aufhört zu schauen, sieht bloß, was er sehen will.

Die Zeichen sind versteckt, aber man kann sie überall entdecken. Ramallah lebt, atmet, vibriert. Der alte orientalisch anmutende Markt, neben der Szene-Bar. Der kleine Kaffeestand auf Rädern, neben dem dicken BMW. Das traditionell gebaute Haus einstöckig mit Flachdach, umringt von Hochhäusern. Gestern und heute gehen fließend ineinander über, verschwimmen, existieren nebeneinander.

Abends in einer der vielen Bars unterwegs, zeigt Ramallah ein weiteres seiner vielen Gesichter. Wenn die Tür aufgeht, fällt der Blick auf eine andere Welt. Männer mit Tattoos, Frauen mit gefärbten Haaren in grün und rot, schon aus der Ferne erkennbar. Kurze Röcke und Piercings. Die Szene ist klein, aber es gibt sie. Filmemacher, Künstler, DJs – alle kennen sich. Und jeder einzelne glaubt, etwas verändern zu können – egal ob mit Kunst, Filmen, Musik oder Sport. Es ist beeindruckend: diese Energie und diese Entschlossenheit trotz der oft hoffnungslos erscheinenden Lage. Oder vielleicht auch gerade deswegen. Die derzeitige Situation ist für viele Palästinenser Bremse und Antrieb zugleich. Politik ist allgegenwärtig, sie begegnet einem an jeder Straßenecke, es gibt nichts was nicht politisch ist. Die Vergangenheit, die Verluste, der Konflikt – den Palästinensern sind diese Dinge in Fleisch und Blut übergegangen. Und doch kämpfen sie mit bewundernswerter Ausdauer darum, sich nicht von ihnen lähmen zu lassen. Dieser Kampf ist spürbar in Ramallah und die Entschlossenheit, mit der er geführt wird, macht die Stadt lebendig.

FÜNF WOCHEN IN PALÄSTINA - DER VERSUCH EINES RÜCKBLICKS

Fünf Wochen Palästina – fünf Wochen, in denen ich noch keinen einzigen Satz zu Papier gebracht habe. Selten ist es mir so schwer gefallen, meine Eindrücke festzuhalten. Das Land, die Leute, der Konflikt – ich finde keine Worte, um all das zu beschreiben. Sprachlos, mit mehr Fragen als Antworten, blicke ich auf die letzten Wochen zurück. Wie kann man die Atmosphäre in einem Land beschreiben, in dem Soldaten, Gewalt und Checkpoints genauso zum Alltag gehören wie Start-ups, Musik an jeder Ecke, eine kreative Künstlerszene und Menschen, die so viel Lebensfreude ausstrahlen, dass man fast vergessen könnte, wo man gerade ist?

Wie erklärt man jemandem, der Israel und Palästina nur aus den Nachrichten kennt, wie es sich anfühlt einen Checkpoint zu überqueren, die Mauer zu sehen oder täglich in den Nachrichten von neuen Zusammenstößen mit dem israelischen Militär zu lesen? Das alles gehört hier zum Alltag und trotzdem ist das nur die halbe Wahrheit. Genauso gehören die kleinen Erlebnisse dazu: die Frau im Bus, die ihr Brot mit mir teilt und mit beiden Händen energisch versucht sich mir verständlich zu machen. Der Mann, der mich zur Bushaltestelle bringt, obwohl er schon zu spät zu seiner Verabredung kommt. Der Obstverkäufer, der mir immer noch zusätzlich etwas in meine Einkaufstüte steckt, was ich erst Zuhause bemerke.

In den nächsten Wochen möchte ich mich auf die Suche nach den passenden Worten machen. Das wird mir mal besser, mal schlechter gelingen. Es werden vielleicht nicht immer die richtigen sein, sie werden vielleicht nur die halbe Wahrheit zeigen und sie werden bestimmt subjektiv sein. Aber ich will versuchen zu verstehen, was ich hier tagtäglich sehe und erlebe.

 

 

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